Bericht des Gesamtleiters 2021

Die Idee lebt

Unsere Idee unter dem Arbeitstitel Werksiedlung 2020 lebt. Deren zentraler Gedanke ist die Auflösung starrer Strukturen, welche das Angebot und damit die die Selbstbestimmung und Teilhabemöglichkeiten der Bewohnenden unseres Dorfes einschränken. Eine zentrale Voraussetzung für die gelingende Umsetzung dieses Gedankens ist unsere Bereitschaft zu verstehen, dass wir uns konsequent in den Dienst der Bedürfnisse unserer Bewohnenden stellen müssen. Und dies wiederum setzt voraus, dass vor allem wir selber bereit sind, die bekannten und Sicherheit bietenden Strukturen zu hinterfragen und zu verlassen.
Strukturen können einschränken, sie bieten aber auch wichtige Dinge wie Ordnung, Sicherheit, Orientierung, Geborgenheit, Identifikation und Freiheit. Wenn wir also Strukturen auflösen, müssen wir deren positiven Funktionen durch etwas anderes ersetzen.

Gemeinsames Aufgabenverständnis und Eigenverantwortung

Von ganz zentraler Bedeutung sind ein gemeinsames Aufgabenverständnis und die Eigenverantwortung. Nur wenn wir hier als Organisation eine grosse Reife erreicht haben, kann das Auflösen von starren und ordnenden Strukturen gelingen. Nur wenn wir als Gesamtheit unter den Mitarbeitenden verstanden haben, dass wir alle zusammen in gleichem Masse beteiligt sind an der Aufgabe der Gestaltung dieses Lebensortes und nur wenn wir diese Aufgabe nicht nur in unserem unmittelbaren Aufgabengebiet annehmen, sondern sie für die gesamte Organisation spüren, kann unsere Idee gelingen.

Die Krise als Bewährungsprobe

Die Pandemie hat im letzten Jahr unsere Arbeit geprägt, die Aufmerksamkeit manchmal eingeengt und die Kräfte gebunden. Vordergründig schien manchmal vieles still zu stehen. Die Sorge, dass dies auch unseren Entwicklungsprozess zu stark bremsen oder gar aufhalten könnte war nicht ganz von der Hand zu weisen. Trotzdem haben sich in den Bereichen Tagesstruktur und Wohnen zentrale und interessante Bewegungen entwickeln können, welche das Ziel der Strukturauflösung im Fokus haben. Darüber später in diesem Bericht mehr. Im Rückblick auf das Pandemiejahr wird aber erst einmal klar, was uns diese Krise gezeigt hat und was wir gelernt haben. Für einmal standen nicht vordergründige Aktionen und Initiativen, welche den Fortschritt des Dorfes 2020 dokumentieren, im Vordergrund. Weil so vieles lange ruhen musste, wurde der Fokus vermehrt auf unsere inneren Stärken gelenkt.

Innere Stärke durch Vertrauen

Würden wir in dieser äusserst schwierigen Zeit unseren Zusammenhalt verlieren oder können wir bestehen? In einer Zeit der grossen Belastungen, vieler Ängste, zu tragenden Massnahmen, externen und internen Weisungen, Fragen, vermeintlichen und tatsächlichen Widersprüchen? In einem Umfeld, in welchem Überzeugungen bezüglich Ursachen und richtiger Massnahmen teileweise diametral auseinander gehen? Auf einem Gebiet, welches sehr persönlich ist, wo richtig und falsch vielleicht nicht immer haarscharf trennbar sind? Wo sich Individualität mit dem Gemeinwohl auseinandersetzen muss?
Trotz dieser Konzentration konfliktträchtiger Herausforderungen ist es uns gelungen einen gemeinsamen Weg zu gehen. Haben wir umso mehr gespürt, was unsere gemeinsame Aufgabe ist und dass es uns jetzt alle braucht um gut durch die Krise zu kommen. Sich gegenseitig und bereichsübergreifend zu helfen wurde zur Selbstverständlichkeit und statt Gräben zu öffnen und zu streiten, haben wir versucht Wege zu finden, welche für alle irgendwie gangbar und verständlich sind. Das dies so gut gelungen ist, hat viel mit gegenseitigem Vertrauen, mit Grosszügigkeit und gegenseitiger Toleranz zu tun.

Selbstorganisation

Eindrücklich war insbesondere auch die Erfahrung, dass es oftmals gar keine hierarchischen Impulse benötigte um schwierige Situationen zu lösen, dass Eigenverantwortung und Selbstorganisation sehr oft gute Lösungen unkompliziert hervorbrachten. Dass diese Lösungen dabei auch immer noch im gemeinsamen, grösseren Kontext gestanden haben, zeigt uns eindrücklich, welche Fortschritte unsere Zusammenarbeitskultur in den letzten Jahren gemacht hat. Die Pandemie hat uns hier etwas aufgezeigt, was wir sonst noch nie so deutlich und in konzentrierter Form erleben und überprüfen konnten.

Reise nach Italien

Mitte September reiste die ganze Werksiedlung für eine ganze Woche nach Italien ans Meer. Mitarbeitende aus allen Arbeitsbereichen der Institution und praktisch alle BewohnerInnen reisten mit. Bereits ein Jahr zuvor haben wir begonnen, diese Reise zu planen. Wir wollten ein Zeichen zu setzen und erfahrbar zu machen, was genau gemeint ist mit ‘eine gemeinsame Aufgabe haben’. Alle Mitarbeitenden, egal in welcher Aufgabe sie in der Werksiedlung tätig sind, halfen in der Betreuung und Gestaltung der Woche gleichberechtigt mit. Selbstverständlich mussten vorgängig zahlreiche logistische und organisatorische Vorbereitungen sorgfältig geplant werden. Ein Einsatzplan regelte, wer am Arbeiten ist und wer frei hat. Aber das war es auch schon an regelnder Struktur. Die Woche selber stand ganz im Zeichen von Eigeninitiative und Selbstorganisation. Ganz ohne tägliche Koordinationssitzungen und morgendliche Programmausgaben sind jeden Tag neue Ausflüge, Initiativen und Angebote entstanden, welchen man sich anschliessen konnte oder nicht. Und wer mochte, hat den Tag einfach am Strand verbracht oder eine Auszeit im Zimmer des Hotels genossen. Koordiniert und angeboten wurden die verschiedenen Angebote über einen Gruppenchat, welcher bald auch half verlorene Taucherbrillen und Jacken wieder zu finden oder personelle Unterstützung anzufordern. Es war abosolut eindrücklich, wie gut das über diesen digitalen Kanal und ohne zentrale Steuerung funktioniert hat.Die Woche war auch anstrengend und intensiv aber gleichzeitig voller wunderschöner Momente und unersetzlicher Erfahrungen – und im Ganzen viel entspannter, als wir uns dies hätten vorstellen können. Über 80 so unterschiedliche Menschen eine ganze Woche lang am selben Ort! Diese Woche hat uns alle ein ganz grosses Stück näher zusammengebracht. Wir haben uns gegenseitig ganz neu erlebt – Bewohnende wie Mitarbeitende in beliebig neuen Konstallationen in einem ganz neuen Umfeld. Dies wird mit Sicherheit eine starke und bleibende soziale Nachwirkung haben. Aber auch im Bereich der Zusammenarbeit und Organisation nehmen wir ganz viel mit für den Alltag in einem Dorf, welches nach neuen Wegen der Organisation sucht und starre Strukturen abbauen möchte.

Gesunde Basis

In den letzten Jahren ist es uns immer wieder gelungen, junge Menschen für ein Leben in der Werksiedlung zu begeistern. Dies obwohl wir weit weg sind von städtischen Angeboten und deren Möglichkeiten. Die Alternative eines Lebens in einer dörflichen Gemeinschaft und einem natürlichen Umfeld bleibt ein attraktives Angebot, auch für junge Menschen. So ist es uns gelungen, das Durchschnittsalter unserer BewohnerInnen in letzter Zeit zu senken. Die allseits gefürchtete Überalterung findet nicht statt. Eine erfreuliche Stabilität dürfen wir auch auf Personalebene feststellen. Die tiefe Fluktuationsrate und die Tatsache, dass auch immer wieder junge Menschen einen weiten Arbeitsweg in Kauf nehmen, deutet darauf hin, dass die Werksiedlung als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen wird.

Zum Schluss möchte ich Ihnen danken für Ihr grosses Vertrauen in unsere Arbeit und für Ihre spürbare Unterstützung auf unserem weiteren Entwicklungsweg.

Herzlich
Jürg Beck, Gesamtleiter

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